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"Die Kunst ist die höchste Form von Hoffnung." - Gerhard Richter

Kunst als Statussymbol: Warum wir kaufen, was wir kaufen

  • 3. März
  • 12 Min. Lesezeit
Kunst Als Statussymbol: Ein Blick Auf Aktuelle Kunstmarkt Trends

Überblick

Vergessen Sie den Ferrari F40 LM GTC (Michelotto) in der Auffahrt oder die Paul Newman Rolex Daytona am Handgelenk – wer heute wirklich dazugehören will, protzt nicht mehr mit glänzendem Chrom, sondern mit mattem Öl auf Leinwand. In einer Welt, in der Milliarden nur einen Mausklick entfernt sind, hat das klassische Statussymbol seine Sprache verloren. Ein Sportwagen sagt heute nur noch: „Ich habe Geld.“ Ein abstrakter Gerhard Richter hingegen flüstert: „Ich habe den Code geknackt.“ Der neue Luxus ist nicht mehr laut und glitzernd, er ist erklärungsbedürftig, exklusiv und verdammt diskret.

Inhalt


Im Jahr 2008 versteigerte Damien Hirst seine Werke direkt bei Sotheby's, ohne eine Galerie dazwischenzuschalten. 198 Millionen Dollar, an einem einzigen Abend, während Lehman Brothers im selben Moment zusammenbrach. Die Geste war so obszön und so präzise zugleich, dass sie sich als Anekdote unsterblich gemacht hat. Aber was sie eigentlich zeigte, hatte weniger mit Kunst zu tun als mit Status. Mit der Frage: Wer sitzt in diesem Saal? Wer hebt die Hand? Und was sagt das über einen aus?

Die Yacht ist out. Die Kunst ist in.

Diese Frage ist so alt wie der Kunstmarkt selbst. Neu ist nur die Dringlichkeit, mit der sie heute gestellt wird.

Der Kunstwissenschaftler und Publizist Wolfgang Ullrich hat das auf den Punkt gebracht: „Es hat inzwischen einen Hautgout, wenn man sich für 200.000 Euro ein Spaßmobil vor die Tür stellt." Die Yacht, der Sportwagen, das Penthouse in Mayfair, die maßgeschneiderten Uhren – sie wirken nicht mehr. Nicht weil sie verschwunden wären, sondern weil sie ihre Sprache verloren haben. Sie sagen noch immer: Ich habe Geld. Aber sie sagen nicht mehr: Ich habe Geschmack. Und Geschmack ist das neue Geld.

„Hohen ästhetischen Geschmack kann man nicht wie Hosen von der Stange kaufen.“ - Sir Wilhelm Schwenck Gilbert

Wer heute signalisieren will, dass er zur intellektuellen Elite gehört, führt keinen Lamborghini vor. Er kauft ein abstraktes Rakelbild von Gerhard Richter. Oder eine handgefertigte Plastik von Katharina Fritsch. Oder eine Edition, die man nur bekommen hat, weil man die richtige Galerie kennt, zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Der Königsweg zum Status, so Ullrich, führt nicht mehr ins Autohaus. Er führt zur Art Basel.

Warum das so ist, hat mit der tiefsten Logik kultureller Gesellschaften zu tun. Und niemand hat diese Logik präziser beschrieben als ein französischer Soziologe, der selbst nie eine Galerie besaß.

Pierre Bourdieu und die Grammatik des Geschmacks

Pierre Bourdieus Hauptwerk „Die feinen Unterschiede", 1979 auf Französisch erschienen und 1982 auf Deutsch, ist das intellektuelle Fundament jedes ernsthaften Gesprächs über Kunst und Status. Bourdieu untersuchte, wie gesellschaftliche Macht nicht nur über Geld, sondern über Geschmack reproduziert wird. Seine These ist provokant und bis heute nicht widerlegt: Was wir schön finden, was wir kaufen, was wir an die Wand hängen, ist kein Ausdruck freier Persönlichkeit. Es ist das Ergebnis unserer Herkunft, unserer Erziehung, unseres sozialen Feldes.

Der Begriff, den Bourdieu dafür prägte, ist Distinktion. Geschmack dient nicht der Freude. Er dient der Abgrenzung. Die herrschende Klasse bestimmt, welche Kunstwerke als legitim und kulturell maßgebend gelten und welche als populär und minderwertig. Wer an einer abstrakten Komposition von Cy Twombly Gefallen findet, signalisiert damit mehr als eine ästhetische Vorliebe. Er signalisiert den Zugang zu einem kulturellen Code, der nicht für jeden lesbar ist. Genau darin liegt sein sozialer Wert.

Werk von Cy Twombly. Ausgestellt im Museum Brandhorst.
Werk von Cy Twombly. Ausgestellt im Museum Brandhorst. © Cy Twombly Foundation

Für Bourdieu ist Kunst das idealste aller Distinktionsinstrumente, weil sie sich doppelt tarnt. Sie tarnt sich erstens als etwas Erhabenes, Immaterialles, dem Kommerz Enthobenes. Und sie tarnt sich zweitens als persönliche Neigung, als individuelle Empfindung. Dabei ist beides kalkuliert. Der Kunstbesitz konvertiert ökonomisches Kapital in kulturelles, und kulturelles Kapital ist die härtere Währung, weil man es nicht einfach kaufen kann. Man muss es verstehen. Man muss die Sprache sprechen. Und wer die Sprache nicht spricht, merkt nicht einmal, dass ein Gespräch stattfindet.

Diese Analyse ist fast fünfzig Jahre alt und hat nichts an Schärfe verloren. Was sich verändert hat, ist das Vokabular. Der Habitus, den Bourdieu beschrieb, hat sich angepasst. Aber die Grundstruktur gilt: Wer Kunst kauft, kauft nicht nur ein Objekt. Er kauft eine Position.

Das Protokoll des unsichtbaren Luxus

Es gibt in der Soziologie das Konzept des „conspicuous consumption", der auffälligen Verschwendung, geprägt vom amerikanischen Ökonomen Thorstein Veblen Ende des 19. Jahrhunderts. Reiche zeigen Reichtum durch Güter, die keine praktische Funktion haben, aber teuer sind. Der goldene Löffel. Die Kutsche. Das Schloss. Kunst war lange ein Teil dieses Schemas.

Was in den letzten zwei Jahrzehnten passiert ist, ist eine subtile, aber fundamentale Verschiebung. Offensichtlicher Luxus gilt als vulgär. Der neue Luxus ist unsichtbar, oder zumindest code-abhängig. Ein Birkin Bag der schlichten Art ist teurer als der mit Goldschnallen, weil Kenner wissen, dass das Schlichte das Rare ist. Ein Kunstwerk von Louise Bourgeois sieht für die meisten Menschen aus wie eine Ansammlung von Stoffresten. Für die wenigen, die es erkennen, ist es ein Mehrfach-Millionen-Objekt.

Christian Boros, der Berliner Unternehmer und Sammler, der seinen Luftschutzbunker in eine der begehrtesten Sammlungspräsentationen Europas verwandelt hat, brachte es so auf den Punkt: Das Protzen mit Konsumgütern hat „Hautgout" bekommen. Die wirkliche Oberschicht zeigt sich nicht mehr durch das, was jeder sehen kann, sondern durch das, was nur der Eingeweihte versteht. Kunst ist in diesem Spiel das perfekte Instrument, weil sie gleichzeitig erklärungsbedürftig und erklärungsresistent ist. Man kann nicht kurz im Internet nachschauen, was ein Werk von Maria Lassnig „wert" ist, ohne sofort zu bemerken, dass man die falsche Frage stellt.

Maria Lassnig 1983 in ihrem Wiener Atelier
Maria Lassnig 1983 in ihrem Wiener Atelier © Kurt-Michael Westermann

Dieses Protokoll des unsichtbaren Luxus hat eine weitere Dimension, die selten ausgesprochen wird: Die Fähigkeit, etwas Hässliches oder Verstörendes schön zu finden, ist das höchste Distinktionsmerkmal. Ein kitschiges Ölgemälde hängt überall. Ein kopfloser Tierplastik von Maurizio Cattelan hängt nur dort, wo jemand sitzt, der Cattelan kennt, versteht und sich leisten kann, den Schock auszuhalten. Wer das kann, hat Klasse bewiesen. Bildung bewiesen. Nervenstärke bewiesen.

Wenn Wände sprechen: Die Soziologie des Hängens

Es gibt ein Experiment, das jeder kennt, der beruflich mit Wohnräumen zu tun hat: Man betritt ein Haus und liest es wie einen Text. Das Bücherregal. Die Küchenwahl. Und vor allem: die Wände.

Was an einer Wand hängt, ist in der bürgerlichen Gesellschaft das ehrlichste Bekenntnis zur eigenen Position. Ein Ikea-Kunstdruck sagt etwas. Ein Ölgemälde aus dem Urlaub in der Provence sagt etwas anderes. Ein großformatiges Werk von Neo Rauch, hinter dem eine Geschichte steckt, eine Kaufentscheidung in Leipzig in den frühen 2000ern, als Rauch noch nicht das war, was er heute ist, sagt etwas, das sich nicht in Worte fassen lässt, aber sofort gehört wird.

Neo Rauch 2014 neben einem seiner Werke
Neo Rauch 2014 neben einem seiner Werke Foto: Jens Wolf

Soziologen nennen das den „objektivierten Zustand" des kulturellen Kapitals. Ein Bild ist übertragbar. Es kann verschenkt, vererbt, verkauft werden. Aber um seinen Wert wirklich zu erschließen, braucht man inkorporiertes kulturelles Kapital. Man muss das Werk einordnen können. Man muss wissen, warum es dort hängt. Und dieser Wissensvorsprung, dieses stille Einverständnis unter Eingeweihten, ist der eigentliche soziale Wert, den ein Kunstwerk mitbringt.

Das ist auch der Grund, warum die Art der Präsentation entscheidend ist. Nicht jedes teure Bild hängt gut. Nicht jedes gut hängende Bild ist teuer. Die Fähigkeit, ein Werk im richtigen Licht, auf der richtigen Wandfarbe, mit dem richtigen Abstand zu platzieren, ist selbst ein kulturelles Signal. Wer das Ohr für Musik hat und das Auge für das Hängen, der hat etwas, das sich weder kaufen noch googeln lässt.

Der Sammler als Marke

In einer Epoche, in der persönliche Reputation zur strategischen Ressource geworden ist, ist der Kunstsammler mehr als jemand, dem Kunst gefällt. Er ist eine Marke.

Man denke an Eli Broad, den amerikanischen Unternehmer, der nicht zufällig zwei Museen in Los Angeles finanzierte und seinen Namen auf beide setzte. Oder an François Pinault, dessen Sammlung in Venedigs Palazzo Grassi und Punta della Dogana, einer der schönsten Ausstellungsräume der Welt, nicht nur als kulturelle Großzügigkeit gelesen wird, sondern als Positioning auf höchstem Niveau. Pinault ist nicht der Chef von Kering. Pinault ist der Mann, dem Venedig vertraut, seine Kunst zu zeigen.

In Deutschland ist das Phänomen nicht weniger ausgeprägt, nur diskreter. Christian Boros ist die Boros Collection. Harald Falckenberg, der Hamburger Unternehmer, dessen Sammlung heute Teil der Deichtorhallen ist, hat durch sein Engagement für Paul McCarthy, Mike Kelley und Raymond Pettibon eine intellektuelle Identität aufgebaut, die seinen Unternehmensstatus längst überstrahlt.

Ausstellung in den Deichtorhallen in Hamburg
Ausstellung in den Deichtorhallen in Hamburg. Foto: Fred Dott

Diese Strategie ist nicht zynisch. Sie ist nicht unbedingt bewusst. Aber sie ist real. Kunst gibt einem Namen einen Charakter, der durch kein anderes Mittel herstellbar ist. Geld kann man verdienen. Macht kann man erwerben. Aber Geschmack muss man haben. Und wer ihn demonstriert, hat damit etwas behauptet, das nicht widerlegt werden kann, solange niemand die Fragen stellt, die Bourdieu gestellt hat.

Kunstmessen als sozialer Ritual

Wer verstehen will, wie Kunst als Statussymbol funktioniert, muss einmal die VIP-Preview der Art Basel besucht haben. Nicht um Kunst zu sehen. Sondern um zu sehen, wer dort ist.

Die Art Basel, die Frieze in London, die TEFAF in Maastricht sind keine Märkte im ökonomischen Sinne. Sie sind Rituale. Anthropologen würden sie als Initiationsrituale beschreiben: Man kommt, man zeigt sich, man begegnet den Richtigen, man trifft Entscheidungen, die im Flüsterton kommuniziert werden. Ein Kauf auf der Art Basel VIP-Preview ist kein Kauf. Es ist eine öffentliche Geste in einem halböffentlichen Raum, die sofort gelesen und interpretiert wird.

Das weiß auch die Industrie dahinter. Die Akkreditierungspolitik der großen Messen ist selbst ein Statusinstrument. Wer eine VIP-Karte hat, hat sie verdient oder besitzt die richtigen Kontakte. Wer eine VIP-Plus-Karte hat, ist jemand, den die Galerie namentlich eingeladen hat. Diese Hierarchien sind absichtlich. Sie produzieren Begehren. Und Begehren produziert Kaufentscheidungen.

Es gibt eine Anekdote, die im Kunsthandel kolportiert wird und deren Wahrheitsgehalt gar nicht entscheidend ist: Roman Abramowitsch reiste zur Biennale in Venedig mit einer seiner Yachten an. Mit an Bord: Lucian Freuds „Schlafende Sozialarbeiterin", für 33,6 Millionen Dollar erworben. Das Bild reist mit. Es ist Teil der Inszenierung. Es begleitet den Mann, dessen Anwesenheit in Venedig selbst eine Aussage ist.

Lucian Freud (geb. 1922), Benefits Supervisor Sleeping, Öl auf Leinwand, 151,3 x 219 cm, gemalt 1995
Lucian Freud (geb. 1922), Benefits Supervisor Sleeping, Öl auf Leinwand, 151,3 x 219 cm, gemalt 1995. Foto: Christies

Diese Dimension, die Mobilität des Status, die Fähigkeit, ein Werk mit sich zu führen wie einen Ausweis, ist ein neues Phänomen. Kunst ist nicht mehr an einen Raum gebunden. Sie reist. Sie wird gezeigt. Sie wird geliehen, gestiftet, in Ausstellungen gegeben. Jede dieser Bewegungen ist eine Kommunikation über den Besitzer.

Die neue Klasse: Tech-Milliardäre, Golfstaaten, Gen Z

Der klassische europäische Kunstsammler, männlich, über 60, altes Geld oder neue Industrie, ist immer noch da. Aber er teilt sich den Raum mit Kräften, die den Markt und seine Statuslogiken gerade grundlegend umschreiben.

Die Tech-Elite. Sergey Brin erschien 2025 auf der Art Basel Miami Beach. Sein Erscheinen wurde kommentiert wie eine politische Geste. Die Silicon-Valley-Generation kauft anders: schneller, datengetriebener, weniger an historischen Hierarchien orientiert. Und sie kauft Kategorien, die für alte Sammlergenerationen grenzwertig waren: digitale Kunst, algorithmische Werke, Positionen, die keine Museumsgeschichte haben. Das verändert, was als statuswürdig gilt.

Der Persische Golf. Art Basel Qatar eröffnete im Februar 2026. Das Guggenheim Abu Dhabi öffnet seine Türen. Frieze übernimmt Abu Dhabi Art. Diese Region hat in einem Jahrzehnt eine kulturelle Infrastruktur aufgebaut, für die Europa zwei Jahrhunderte gebraucht hat. Und sie kauft mit einer Selbstverständlichkeit, die den westlichen Kunstbetrieb gleichzeitig fasziniert und herausfordert. Die Statussymbolik des Kunstkaufs hier ist anders kodiert: kollektiver, nationaler, weniger individuell. Aber sie ist genauso real.

Generation Z. Die jüngsten Sammler kaufen nicht, um zu zeigen. Sie kaufen, um zu gehören. Community ist für diese Generation ein stärkeres Kaufmotiv als Prestige. Sie kaufen Werke von Künstlern, die sie auf Instagram entdeckt haben, und sie kaufen kleine Formate, handgemachte Arbeiten, Positionen, die ihre Werte spiegeln. Der Status, den sie damit erwerben, ist real, aber er wird in anderen Währungen gemessen: in Zugängen zu Künstlerateliers, in Einladungen zu geschlossenen Gesprächsrunden, in der Zugehörigkeit zu einer Community, die sich als Gegenentwurf zum alten Sammlerhabitus versteht.

Alle drei Gruppen spielen das Statusspiel. Sie spielen es nur mit verschiedenen Regeln.

Wenn der Status kippt: Die Frage nach der Authentizität

Es gibt eine Gegenbewegung. Und sie ist nicht neu, aber sie wird lauter.

Die Kritik am Kunstmarkt als reinem Statusinstrument ist so alt wie der Kunstmarkt selbst. Aber in den letzten Jahren hat sie eine neue Qualität gewonnen, nicht zuletzt durch den Einbruch des ultra-zeitgenössischen Segments, in dem viele Werke, die nur deshalb teuer waren, weil sie teuer waren, wieder auf Auktionen verramscht wurden. Die Blase des Status-Kaufs, des Kaufs ohne Überzeugung, ohne Beziehung zum Werk, ohne Haltung, hat sich als das erwiesen, was sie war: leer.

Der Kunstkritiker und Essayist Robert Hughes hat einmal geschrieben, dass der Markt für zeitgenössische Kunst ein „confidence game" sei, ein Vertrauensspiel. Das Werk ist so viel wert, wie genug Menschen glauben, dass es so viel wert ist. In dem Moment, in dem dieses kollektive Vertrauen schwindet, schwindet auch der Wert.

Das ist nicht nur eine ökonomische Beobachtung. Es ist eine Beobachtung über Status. Wer ein Werk kauft, das er nicht versteht, um einen Status zu demonstrieren, der nicht tief verankert ist, baut auf Sand. Der Moment, in dem der Markt dreht, die Messe leer bleibt, das Auktionshaus schweigt, ist der Moment, in dem sich zeigt, ob der Status echt war. Und die ehrliche Antwort lautet oft: nein.

Die tiefsten Sammlungen der Welt, die Sammlungen, die Namen überleben und Institutionen gründen, sind keine Statusspeicher. Sie sind Überzeugungsspeicher. Herman und Nicole Daled, das Brüsseler Sammlerpaar, das konzeptuelle Kunst kaufte, als kein Markt dafür existierte, weil sie glaubten, dass diese Kunst wichtig war. Siegelaub, Buren, Barry, Art & Language – Werke, die niemand wollte und die heute Museumsgeschichte sind. Das war kein Statuskauf. Das war Überzeugung.

Was bleibt, wenn der Status vergeht

Es gibt eine letzte Frage, die dieser Artikel stellen muss, und die keine einfache Antwort hat.

Wenn Kunst primär ein Statussymbol ist, was geschieht dann mit ihr, wenn der Status wegfällt? Wenn die Galerie schließt? Wenn der Künstler vergessen wird? Wenn das, was gestern begehrt war, heute niemanden mehr interessiert?

Die ehrliche Antwort: Sehr viel Kunst, die heute als wertvoll gilt, wird in fünfzig Jahren nicht mehr als wertvoll gelten. Das ist keine zynische Bemerkung. Es ist der normale Lauf kulturgeschichtlicher Prozesse. Die meisten Werke, die heute teuer sind, sind teuer, weil ein Konsens existiert, der vergänglich ist. Konsense ändern sich. Kanons verschieben sich. Was als wichtig gilt, hängt von wem gefragt wird.

Was nicht vergeht, ist die Erfahrung. Das Erleben vor einem Werk, das einen nicht loslässt. Die Fähigkeit, jeden Morgen an einem Bild vorbeizugehen und jedes Mal etwas anderes zu sehen. Die Entscheidung, etwas zu kaufen, weil man damit leben will, nicht um damit gesehen zu werden. Diese Entscheidung entzieht sich der Statuslogik. Nicht weil sie den Status verneint. Sondern weil sie ihn übersteigt.

Der Berliner Sammler Thomas Olbricht, dessen Sammlung me Collectors Room in Berlin-Mitte bis zur Schließung 2021 eine der besucherstärksten privaten Ausstellungen Deutschlands war, hat einmal gesagt, er könne ein Werk nur kaufen, wenn er sich vorstellen könne, damit aufzuwachen. Das ist kein romantisches Statement. Das ist eine praktische Überlebensstrategie für einen Markt, in dem sehr viel gekauft wird, um gesehen zu werden, und sehr wenig, um zu leben.

Installationsansicht der Art-Toys-Collection von Selim Varol
Installationsansicht der Art-Toys-Collection von Selim Varol © me Collectors Room Berlin/Jana-Ebert

Wer kauft, um zu leben, hat den richtigen Grund. Und wer kauft, um gesehen zu werden, kauft vielleicht trotzdem etwas Richtiges, wenn er Glück hat. Die zwei Motivationen schließen einander nicht aus. Aber sie produzieren sehr verschiedene Sammlungen. Und sehr verschiedene Leben mit Kunst.

FAQs


Warum gilt Kunst heute als das wichtigste Statussymbol?

Weil sie das einzige Statussymbol ist, das gleichzeitig Reichtum, Bildung, Geschmack und soziales Netzwerk demonstriert, ohne offen zu protzen. Eine Yacht sagt: Ich habe Geld. Ein Gerhard Richter sagt: Ich habe Geld, Geschmack, Kontakte und die Bildung, das eine vom anderen zu unterscheiden. In einer Epoche, in der offensichtliches Protzen als vulgär gilt, ist Kunst das subtilste und deshalb wirkungsvollste Distinktionsmittel, das existiert.

Was hat Pierre Bourdieu mit dem Kunstkauf zu tun?

Bourdieus Werk „Die feinen Unterschiede" ist das soziologische Fundament jedes Gesprächs über Kunst und gesellschaftliche Position. Er hat gezeigt, dass kulturelle Vorlieben, inklusive Kunstgeschmack, keine freien persönlichen Entscheidungen sind, sondern durch Herkunft, Erziehung und soziales Milieu geprägt werden. Wer versteht, was Bourdieu mit Distinktion meinte, versteht, warum dieselbe Person, die einen Lamborghini als vulgär empfindet, für ein abstraktes Gemälde Millionen ausgibt. Es ist dasselbe Spiel. Mit anderen Regeln.

Ist Kunstkauf als Statusdemonstration neu?

Nein. Schon die Medici haben Kunst gekauft, um ihre Macht zu demonstrieren. Die Päpste, die Könige, die Industriellen des 19. Jahrhunderts: Kunstbesitz war immer auch Machtbesitz. Was sich verändert hat, ist das Vokabular. Heute ist es nicht mehr das Größte und Teuerste, das Status produziert, sondern das Seltenste, Verständnisintensivste, am schwierigsten zu erwerbende. Die Demokratisierung des Reichtums hat den Distinktionswert offensichtlichen Luxus' zerstört. Kunst hat diese Lücke gefüllt, weil ihr Wert nicht einfach skalierbar ist.

Wie erkennt man, ob jemand Kunst aus Überzeugung oder aus Statusgründen kauft?

Meistens gar nicht, und das ist einer der Gründe, warum die Frage so faszinierend ist. Oft koexistieren beide Motive im selben Käufer. Was man manchmal erkennt: Wer aus Überzeugung kauft, kann erklären, warum. Nicht im Sinne einer kunsthistorischen Einordnung, sondern im Sinne einer persönlichen Beziehung zum Werk. Wer aus Statusgründen kauft, spricht über den Preis, die Auflage, den Namen des Künstlers. Beide können dabei dasselbe Werk kaufen. Nur für sehr verschiedene Gründe.

Verändert die neue Generation von Sammlern die Statuslogik des Kunstmarktes?

Ja, aber langsamer als behauptet. Generation Z kauft anders, community-orientierter, weniger an institutionellen Hierarchien ausgerichtet. Aber auch diese Generation kauft nicht ohne Statusmotive. Sie hat diese Motive nur anders kodiert: Zugehörigkeit statt Überlegenheit, Identität statt Prestige. Das ist eine echte Verschiebung. Aber die Grundstruktur, Kunst als Signal für etwas über die Kunst Hinausgehendes, bleibt intakt. Bourdieu würde lächeln.

Kann man Kunst kaufen, ohne in die Statusfalle zu tappen?

Man kann es versuchen. Die ehrlichste Strategie ist die, die Thomas Olbricht beschrieben hat: Kaufen Sie nur, womit Sie morgen früh aufwachen wollen. Nicht was einen Namen hat. Nicht was eine Galerie empfiehlt. Nicht was auf einer Messe gesehen werden will. Sondern was Sie täglich anders sehen und täglich etwas Neues entdecken lässt. Dieser Test ist einfach und radikal. Er schließt sehr viel aus, was der Markt gerade anbietet. Und er schließt sehr viel ein, das der Markt gerade übersieht.


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